Die Euregio Maas-Rhein zeigt eine Wirtschaftskraft wie ein kleiner EU-Staat, ist Motor der europäischen Integration und hat eine bemerkenswerte Forschungsdichte. Wie interessant ist dieses Gebiet für Unternehmer, fragte die FAZ Jürgen Drewes, Hauptgeschäftsführer der IHK- Aachen.
FAZ: Was spricht aus Investorensicht für die Euregio Rhein-Maas?

Jürgen Drewes: Es ist eine Metropolregion mit 3,9 Millionen Einwohnern in drei Nationen. Rund 250.000 Unternehmen entwickeln eine Wirtschaftskraft, die so groß ist wie in einem kleineren EU-Mitgliedsstaat. Investoren können von hier aus wichtige Märkte bedienen. Eine optimale Infrastruktur ist vorhanden: Gute Autobahnen, schnelle Bahnverbindungen und drei internationale Großflughäfen sorgen für einen reibungslosen Geschäftsreiseverkehr. Im Umkreis von 500 Kilometern liegt ein Gebiet, das etwa die Hälfte der EU-Kaufkraft umfasst. Diese Region ist außerdem Keimzelle und Motor der europäischen Integration. Viele Menschen hier sind international ausgerichtet, aber auch traditionsbewusst.
FAZ: Welche Bedeutung haben die Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen für die Unternehmen vor Ort?
Drewes: Eine sehr große, denn in der Euregio wirken Spitzenkräfte in einem ungewöhnlich forschungsdichten Raum. An der RWTH Aachen, der FH Aachen, vier Fraunhofer-Instituten, dem Forschungszentrum Jülich und einem halben Dutzend weiterer Hochschulen in den unmittelbaren Nachbarländern entsteht täglich neues Wissen für die Welt von Morgen. Jeder dritte Beschäftige im Bereich Forschung und Entwicklung in Nordrhein-Westfalen arbeitet in der Region Aachen. Das ist ein Riesenpotenzial für die Wirtschaft. Nicht umsonst haben sich internationale Konzerne wie Ford, Philips, DSM Agro, Ericsson und Microsoft in der Technologieregion Aachen und der Euregio mit Zentren für Forschung und Entwicklung angesiedelt. Kooperationsverträge der Industrie- und Handelskammer Aachen mit umliegenden Forschungszentren bauen seit 25 Jahren die Brücken zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Davon zeugen mehr als 1400 Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen seit Mitte der siebziger Jahre mit inzwischen rund 32.000 Beschäftigten.
Weiteren Auftrieb erhält die Region mit dem RWTH Campus, der mit 19 Forschungsclustern Wirtschaft und Wissenschaft in der Frühphase der Forschung mit der Lehre und Weiterbildung verzahnt. Zum ersten Spatenstich im Februar hatten sich bereits über 90 Unternehmen zur langfristigen Kooperation verpflichtet – jedes Vierte davon ein bedeutender internationaler Player.
FAZ: Welche Branchen sind in der Region besonders stark vertreten?
Drewes: Starke Branchen sind Chemie, Pharmazie, eine wachsende IT-Industrie, Zulieferer aus dem Automobilbereich und Bio-Tech-Unternehmen. Zu den größten Industriesektoren zählen ferner auch die Ernährungswirtschaft, der Maschinenbau sowie Gummi- und Kunststoffwaren. Eine lebendige Szene der Branchencluster fördert Kooperationen und stimuliert Neugründungen. Wachsende Bedeutung zeichnet sich im Bereich der Energiewirtschaft und Elektromobilität ab. Das interdisziplinäre Cluster „Energy Hills“ bündelt Kompetenzen zum Thema Energie von gut sechzig Unternehmen, Forschungsinstituten sowie fünf führenden deutschen, niederländischen und belgischen Universitäten, drei weiteren Hochschulen und drei Großforschungseinrichtungen. Sie erarbeiten Lösungen, um knapper werdenden Ressourcen und steigenden Kosten im Energiebereich zu begegnen.
FAZ: Wie funktioniert die länderübergreifende Zusammenarbeit mit den Niederlanden und Belgien?

Drewes: Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht: „Grenzüberschreitungen“ gehören zur Normalität. Die Niederlande haben inzwischen Frankreich als wichtigsten Exporteur in Richtung Deutschland überholt. Eine Brücke zum belgischen Markt ist die deutschsprachige Gemeinschaft an der ostbelgischen Nahtstelle zwischen dem romanischen und germanischen Kulturkreis. Die Menschen leben, denken und machen Geschäfte in mehreren Sprachen und Kulturen. An den Schnittstellen beraten die Industrie- und Handelskammern. So im World Trade Center Heerlen Aachen im grenzüberschreitenden Gewerbegebiet Avantis: Hier arbeiten die Außenwirtschaftsabteilungen der deutschen und niederländischen Kammern in einem gemeinsamen Büro zusammen.
FAZ: Bei allen Fortschritten gibt es aber sicherlich auch noch Herausforderungen für die Euregio?
Drewes: Durchaus, der Raum Aachen-Lüttich- Maastricht muss sich als europäische Metropolregion fest etablieren. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die gemeinsame Bewerbung von Maastricht und Aachen als Kulturhauptstadt Europas 2018. Das lässt weitere Impulse erwarten. Die Teilräume müssen stärker zusammenarbeiten, das gilt insbesondere für die Wirtschaft und Wissenschaft. So wird die Euregio mehr als die Summe ihrer Teilregionen. Eine Reihe bürokratischer Hürden für Grenzgänger und grenzübergreifend tätige Unternehmen muss noch abgebaut werden, besonders im Steuerrecht und bei der Sozialversicherung sowie bei der Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Europa im Kleinen – in der Euregio Maas-Rhein – kann Schrittmacher werden für den gesamten europäischen Raum.
Das Interview ist in der FAZ-Beilage am 30. Juni 2010 erschienen. Die Fragen stellte Jan Voosen.